
Wien, 4. März 2026 – „Die technologische Dynamik verändert die ärztliche Rolle. Erfahrung, Verantwortung und Empathie bekommen eine neue Bedeutung. Fortschritt soll nicht nur Prozesse optimieren, sondern Prävention stärken, die Versorgungsqualität erhöhen und den Menschen konsequent in den Mittelpunkt stellen. Die neuen digitalen Entwicklungen haben zweifelsohne Potenzial, die Lebensqualität unzähliger Patientinnen und Patienten nachhaltig zu verbessern“, erklärt Prim. Univ.-Prof. Dr. Jörg R. Weber, Präsident der ÖGN und Vorstand der Neurologie im Klinikum Klagenfurt.

Prim. Univ.-Prof. Dr. med. Jörg Weber ist Facharzt für Neurologie (Intensivmedizin) und Neurobiologie, Vorstand der Abteilung für Neurologie und stellvertretender Direktor im Klinikum Klagenfurt
Digitalisierung gilt als struktureller Paradigmenwechsel. KI-Systeme unterstützen künftig Anamnese, Diagnostik und Bildanalyse und ermöglichen präzisere Prognosen sowie individualisierte Therapien.
Univ.-Prof. Dr. Roland Wiest, Universitätsinstitut für Diagnostische und Interventionelle Radiologie, Inselspital Bern, betont: „Die Sorge vor halluzinierenden KI-Modellen ist berechtigt. Die Systeme funktionieren nicht ohne menschliche Kontrolle – aber die moderne Medizin wird künftig auch nicht mehr ohne KI auskommen.“
Wie KI bereits konkret in der Versorgung eingesetzt wird, zeigt ein Beispiel aus der Steiermark: Auf Initiative der Universitätsklinik für Neurologie Graz unter der Leitung von Univ.-Prof. Dr. Christian Enzinger wurde gemeinsam mit der Neuroradiologie das KI-basierte Auswertetool RAPID-AI flächendeckend in allen neurologischen Abteilungen implementiert.
Die Software analysiert MRT (Magnetresonanztomografie)- und CCT (Craniale Computertomografie)-Daten automatisiert und ermöglicht den Expert:innenteams am Zentrum rund um die Uhr eine rasche, standardisierte Entscheidungsgrundlage für eine Thrombektomie (Entfernung eines Blutgerinnsels). Nach dem sogenannten Mismatch-Konzept kann so beurteilt werden, welche Patient:innen von einer Wiedereröffnung eines verschlossenen Hirngefäßes profitieren und gezielt an ein spezialisiertes Zentrum transferiert werden sollen.

Univ.-Prof. Dr. Christian Enzinger, MBA, FEAN ist Universitätsprofessor für Neurologie und Vorstand der Universitätsklinik für Neurologie an der Medizinischen Universität Graz
Auch therapeutisch eröffnen neue Technologien Perspektiven, etwa durch gentechnisch veränderte Immunzellen oder bispezifische Antikörper bei neuroimmunologischen Erkrankungen.
Gleichzeitig bleibt die Krankheitslast für Betroffene und ihre Familien sowie die Herausforderung für die Gesellschaft und ihr Gesundheitssystem enorm: Neurologische Erkrankungen sind weltweit die Hauptursache für eine Zunahme an Lebensjahren mit Behinderung.
In Österreich erleiden jährlich rund 20.000 Menschen einen Schlaganfall – statistisch gesehen alle 27 Minuten eine Person. Die Zahl der Menschen mit Demenz liegt aktuell in Österreich bei etwa 170.000, mit deutlich steigender Tendenz. Für die EU-27-Staaten sowie die Schweiz, Island und Norwegen wurde eine jährliche finanzielle Belastung von rund 800 Milliarden Euro durch neurologische Erkrankungen ermittelt. Diese Summe übersteigt die Kosten für Herz-Kreislauf-Erkrankungen um das Dreifache.
Das größte Potenzial sieht die ÖGN in der Prävention: „Wir wissen heute, dass mit entsprechender Lebensstilmodifikation bis zu 80 Prozent aller Schlaganfälle und bis zu 45 Prozent aller Demenzen verhindert oder verzögert werden können. Prävention ist möglich – das ist eine enorme Chance für die öffentliche Gesundheit“, so Prim.a Priv.-Doz.in Dr.in Julia Ferrari, Präsidentin elect der ÖGN und Leiterin der Abteilung für Neurologie, Neurologische Rehabilitation und Akutgeriatrie im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Wien.

Prim.Priv.-Doz. Dr. Julia Ferrari ist Fachärztin für Neurologie und Vorständin der Abteilung für Neurologie,neurologische Rehabilitation und Akutgeriatrie im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Wien
Zu den zentralen Maßnahmen der Schlaganfallprävention zählen Nichtrauchen, mediterrane Ernährung, ausreichend körperliche Bewegung, zumindest 150 Minuten pro Woche, Gewichtskontrolle und geringer Alkoholkonsum – „Alkohol ist nun einmal ein Zellgift“, so Prim.a Ferrari – und es gilt zudem, gängige Risikofaktoren wie Bluthochdruck, erhöhte Cholesterinwerte und Diabetes optimal zu behandeln bzw. einzustellen.
Das Präventionspotenzial bei Demenz ist ebenso wie beim Schlaganfall erheblich: Ein aktueller Bericht der Lancet Commission (2024) unterscheidet dabei Präventionsansätze in drei Lebensphasen: Bildung im jüngeren Lebensalter, konsequente Behandlung klassischer vaskulärer Risikofaktoren, vor allem Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörung, sowie frühzeitige Hörgeräteversorgung im mittleren Lebensalter, Depressionsbehandlung und Vermeidung sozialer Isolation im höheren Lebensalter.
Auch Impfungen sind ein zentraler Baustein der Neuroprävention. „Fast vergessen und überschattet durch die Diskussion über die Covid-Impfungen ist der Erfolg von Impfen gegen Gehirnhaut- und Gehirnentzündungen (Meningitis, Enzephalitis)“, betont Prof. Weber.
In Österreich besonders hervorzuheben sind die FSME-Impfung (Frühsommermeningoenzephalitis) und Impfungen gegen Haemophilus influenzae, Meningokokken und Pneumokokken. Diese Erkrankungen sind nicht zufällig sehr selten geworden, sondern klare Erfolge präventiver Medizin. Auch Masern-Enzephalitiden sind durch Impfung verhinderbar. Dennoch wurden in Europa im Jahr 2024 deutlich steigende Masernfallzahlen infolge unzureichender Durchimpfungsraten gemeldet.
Neuerdings steht auch ein Impfstoff gegen die Gürtelrose (Herpes Zoster) zur Verfügung, der sowohl die Enzephalitis als auch kosmetisch belastende Gesichtslähmungen deutlich reduziert. Die klare Botschaft der ÖGN lautet daher: „Impfen bleibt essenziell, weil das Risiko real ist und wieder steigt“, so Prof. Weber.
Neben aller Technologie bleibt die ärztliche Haltung entscheidend. Univ.-Prof. Dr. Johannes Fellinger, Leiter Klinisches Forschungsinstitut für Entwicklungsmedizin JKU Linz, betont: „Empathie ist keine weiche Zusatzqualifikation, sondern eine zentrale Dimension ärztlicher Qualität. Vor allem Menschen mit Behinderung brauchen eine medizinische Heimat.“
„Die Neurologie 2026 steht für eine doppelte Verpflichtung: technologische Innovation konsequent zu nutzen und gleichzeitig Empathie, Teilhabe und Prävention als tragende Säulen einer modernen Gehirngesundheit zu stärken“, so das Fazit von Prof. Weber.
Links: https://www.oegn.at; https://www.oegn-jahrestagung.at
Fotos: Anja Koppitsch, Universität Bern, JKU, Shutterstock/sdecoret


